Ein Lob auf die Spiegelversilberung
Der heutige Amateur mit seinen Hightech-Hochvakuum-enhanced-Aluspiegeln
kennt sie nur noch vom Hörensagen: die gute alte Silberschicht.
Als überholt gilt sie und gehört in die Mottenkiste...?
Zweifellos hat ein versilberter Teleskopspiegel einen gewichtigen
Nachteil: Die beschränkte Haltbarkeit der Schicht, bedingt
durch das Anlaufen besonders in unserer schwefeldioxidverschmutzten
Luft, sowie die schnell abfallende Reflektivität am blauen
Ende des Spektrums, besonders im Ultravioletten.
Dass die Versilberung aber auch heute noch - und erst recht wieder,
seit manche Amateure sich an komplexe Systeme wagen - ihren Platz
im Repertoire des Spiegelschleifers und Teleskopbauers hat, sei
im folgenden dargelegt. Sie weist nämlich eine Reihe von
erheblichen Vorteilen auf. Motto: einfach, billig und gut genug
für die meisten Zwecke.
Will man nämlich z.B. ein System mit drei und mehr Spiegeln
als ganzes testen - zu viele Reflexionen für einen Sterntest
mit unbelegten Spiegeln - , um nachher letzte Korrekturen und
Retouchen anzubringen, ist man mit aluminisierten Spiegeln schlecht
beraten: wer opfert schon gerne die 150 oder 200 Franken, die
eine gute Bedampfung gekostet hat, für eine nachträgliche
kleine Zonenkorrektur, abgesehen davon, dass sich die quarzbedampfte
Aluschicht nur schlecht entfernen lässt.
Hier gilt es, die vielgeschmähte Versilberung wiederzuentdecken.
Hand aufs Herz, welchen Beobachter stört eine schlechte UV-Reflektivität
- wenn dafür im sichtbaren Bereich eine Ausbeute von gegen
98% erreicht werden können? (Eine normale Aluschicht kommt
über die Jahre mit Mühe auf 88% Reflektivität.
Bei dreimaliger Reflexion bleibt ein Restlicht von 68%, was einem
Verlust in der Grössenordnung einer halben Magnitude gleichkommt.)
Die Haltbarkeit ist in unserem Industrieklima tatsächlich
beschränkt. Um ein Instrument ein paar Monate auszutesten,
reicht sie aber aus, zumal die Schicht mehrfach aufpoliert werden
kann. Nebenbei ist das heikle Reinigen aluminisierter Spiegel
kaum weniger aufwendig, als dieselben zweimal jährlich neu
zu versilbern, hat man erst einmal die nötigen Zutaten und
etwas Übung. Letztere ergibt sich schnell, während die
ersteren eine vergleichsweise geringe Investition bedeuten. So
kostet eine selbst gemachte Versilberung in der Tat weniger als
ein Zehntel dessen, was für die Alubedampfung auszulegen
wäre. Man kommt mit wenigen, sehr gewöhnlichen Gefässen
und einer kleinen Anzahl schwach konzentrierter Chemikalien aus.
Für die einmalige Versilberung eines 15cm-Spiegels benötigt
man kaum mehr als zwei Deziliter fertige Versilberungslösung,
wovon ein Drittel Silbernitratlösung - die teuerste Zutat;
sie enthält gerade 2 g Silbernitrat und sollte - selbst zu
"Apothekerpreisen" - unter 20 Fr. zu haben sein.
(Für ganz Angefressene besteht sogar die Möglichkeit,
das Silbernitrat selbst anzusetzen durch Auflösung von Silber
in Salpetersäure...)
Verschiedene Rezepte sind in der einschlägigen Literatur
zu finden. Bei mir hat sich aber eines
der am einfachsten auszuführenden derart gut bewährt,
dass ich auf weitere Experimente gern verzichte. Mein Beispiel
soll im Gegenteil alle diejenigen ermutigen, welche die Chemie
nicht "mit Löffeln gefressen haben". Für weitere
technische Angaben ist (2) nützlich. Den Rezepten in Wenske
und Texereau ist kaum etwas beizufügen. Dennoch hier einige
meiner Erfahrungen:
Die erzielten Schichten genügen für das Testen der
Spiegel völlig, ja man kann damit durchaus gut beobachten.
Eine nicht völlig geklärte Frage ist die Oberflächengüte
der Silberschicht. Chemisch niedergeschlagen, hat sie doch eine
gewisse Dicke und mancherlei Inhomogenitäten, wovon man sich
beim Durchsehen auf eine helle Lichtquelle überzeugen kann.
(Hierbei ist zu entdecken, dass eine dünne Schicht als starkes
Blaufilter wirkt.- Wer baut sich ein Sonnenfilter?). Kommt dazu,
dass beim Abledern die dem Benutzer von Polierrot auf harter Pechhaut
sattsam bekannten Sleeks, feinste Kratzer in "hellen"
Scharen, kaum ausbleiben werden. Glücklicherweise ist bei
einiger Vorsicht nur die Silberschicht, nicht aber die polierte
Glasoberfläche betroffen. Diese Sleeks führen aber zu
erhöhtem Streulichtanteil, der bei der Prüfung des Instruments,
besonders bei der Beurteilung der Kontrastleistung, berücksichtigt
werden muss. Ich konnte unter dem Foucault-Test mit einem künstlichen
Stern von wenigen tausendstel Millimetern Öffnung auch deutlich
eine gewisse Oberflächenrauhigkeit feststellen, die bei aufgedampften
Schichten nicht auftritt. Diese dürfte am fertigen Instrument
ebenfalls als Kontrastminderung zu Buche schlagen.
Ich habe meinen neuen Yolo-Schiefspiegler mit bestem Erfolg probehalber
versilbert - immerhin 3 Flächen, inklusive Planspiegel -
und erhalte perfekte Beugungsfiguren, bei höchster Vergrösserung
(320x) ein scharfes, detailreiches Marsscheibchen... bis auf etwas
Streulicht erfüllte die Versilberung ihren Zweck, nämlich
das Instrument testen zu können. Trotzdem habe ich
die Spiegel letztendlich dauerhaft aluminisieren lassen, um das
letzte an Abbildungsgüte herauszuholen. Das Versilbern war
aber eine Notwendigkeit auf dem Weg zum fertigen Instrument. Auch
machte es ungeheuer Spass, den ganzen Herstellungsprozess in den
eigenen Händen zu haben und, sozusagen als Krönung des
Schleifabenteuers, die fertigen Spiegel in ihre Zellen zu setzen.
Das Selbstversilbern sei also allen Glaswürmern wärmstens
ans Herz gelegt. Und wer der Sache seinen kostbaren Glasbrocken
immer noch nicht anvertrauen will, übe an einem alten Garderobenspiegel
...
Hier gehts zum Rezept...